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XCIII. Endlich bleibt unter dieser vollkommensten
Regierung keine gute Handlung unbelohnt,
keine böse unbestraft, und alles muß auf das
Glück der Gu ten, das heißt derer abzielen, die in
dem grossen Reiche mit der Regierung Gottes
zufrieden sind, auf seine Vorsehung vertrauen,
den Urheber alles Guten gehörig lieben und nachahmen,
und nach der Natur der reinen und wahrhaftigen
Liebe, deren Wesen darinn besteht, daß
sie ihr Vergnügen an der Glückseligkkeit des gelibten
Gegenstandes findet, ihr Stück in dem
Anschauen seiner Vollkommenheiten finden.
Die Weise und Tugendhaften bemühen sich daher
alles zu thun, was dem vorhergehenden, und
dem wahrscheinlichen Willen Gottes gemas zu
seyn scheinet; und eben so lassen sie sich alles gefallen,
was nach seinem geheimen Willen geschiet,
weil sie nicht zweifeln, daß, wenn die Ordnung der Natur
unsern Augen vollkommen enthüllt wäre, wir einsehen
würden, daß alles unendlich über die Wünsche des
weisesten Menschen erhaben sey und daß man sich unmöglich
etwas besseres in Rücksicht auf die Welt überhaupt
und selbst in Rücksicht auf uns insbesondere vorstellen
könne. Mögten wir also nur, denn es ist nichts
billiger als dieß, dem Urheber aller Dinge nicht allein als
dem Baumeister und der wirkenden Ursache unseres Wesens
sondern auch als unserm Oberherrn, und unserer
Endursache, als dem Wesen anhangen, das allein unsere
Wünsche erfüllen, allein uns glücklich machen kann.
Leibniz Mon75 290 §XCIII.